Verraten – Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte [Vorgeschichte]

Weihnachten 1996

Ava und ich hatten beschlossen Weihnachten so normal wie möglich zu verbringen und dazu gehört ein Baum, viele Geschenke, ein großes feierliches Essen und natürlich die ganze „Familie“. Als Familie zählten dieses Jahr Ava, ich und Avas Freund Jake. Das war das erste Weihnachten, das die beiden zusammen verbrachten. Sie hatte beschlossen, dass er ihre wahre Liebe war und, dass sie ihm vertrauen konnte. Deswegen hatte sie sich gestern mit ihm getroffen  und ihm unser Geheimnis anvertraut. Sie sagte er habe toll darauf reagiert und versprochen auf jeden Fall heute zu kommen! Daraufhin war Ava die ganze Zeit total aufgeregt und ist im Haus rum gerannt wie eine aufgeschreckte Henne. Deshalb hatte ich sie zu kurzfristig zum einkaufen geschickt während ich den Baum schmückte und noch die letzten Geschenke einpackte. Sie müsste bald wieder da sein und dann würde es auch nicht mehr lange dauern bis Jake hier aufkreuzte.

***

Den 24. Dezember im Supermarkt zu verbringen ist der Horror, der absolute Horror. Die Menschen rennen durch die Gänge und füllen ihre Einkaufswägen so voll, als könnten Sie drei Wochen das Haus nicht verlassen. Von allen Seiten wird man angerempelt und ewig steht man im Weg. Furchtbar. Aber ich hatte es Rose versprochen. Dieses Weihnachtsfest sollte normal werden, naja also so normal wie es für uns eben möglich war. Und dazu gehörte ein festliches Essen und weil sich das nicht von selber macht musste ich die Stunden vor Heiligabend mit einkaufen verbringen. Also ich kann mir echt schöneres vorstellen. Mein Magen knurrte. Verdammt. Es gibt nichts schlimmeres als in einem Laden voller Essen Hunger zu bekommen. Vor einer Flasche voller rotem Traubensaft blieb ich stehen. Wie gerne hätte ich jetzt ein Glas voll- Nein. Ganz falscher Gedanke. Hastig schob ich meinen überfüllten Einkaufswagen zur Kasse und bezahlte die viel zu hohe Summe ohne mit der Wimper zu zucken. Geld hatten wir genug. Ich packte alles sorgfältig in mein rotes Cabrio, mein ganzer Stolz nebenbei bemerkt und schwang mich elegant hinters Lenkrat. Ich fischte meine Sonnenbrille aus meiner Handtasche und setzte sie mir auf. Für einen Tag mitten im Dezember war es ganz schön sonnig. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich mich beeilen musste, wenn Rose nicht sauer werden sollte. Ich drückte also kräftig aufs Gas und fuhr los.

***

Ava kam kurz darauf vollgepackt mit Tüten nach Hause „Es ist schrecklich in den Läden heute! Total überfüllt!, beschwerte sie sich im genervten Ton. Aber ich sah die Vorfreude auf das Treffen mit Jake in ihren Augen aufblitzen. Lachend lief ich ihr entgegen, um ihr ein paar Tüten abzunehmen. Als wir alle Tüten in die Küche geschleppt hatten, feuerte ich den Ofen an, während Ava ihre Geschenke unter den Baum legte. Anschließend drehte ich das Radio laut auf und wir machten uns daran das Weihnachtsessen zu kochen, was bei uns mitlerweile schon zur Tradition geworden war.

Als wir gerade beide lauthals „All I want for Christmas“ mit grölten, klopfte es an der Tür. Ava tanzte lachend aus dem Raum, um aufzumachen. Als sie nach kurzer Zeit noch nicht wieder aufgetaucht war und ihre Rouladen drohten anzubrennen, lief ich ihr immer noch singend hinterher, in der Erwartung sie wild knutschend mit Jake anzufinden. Stattdessen stand sie stocksteif in der offenen Tür und vor ihr eine gewaltige Menge an Reportern, die mit ihren riesigen Fotoapparaten zu blitzen anfingern, während sie durcheinander schrien. „Das ist die zweite!“, „Ist es wahr dass…“, „Ein junger Mann in ihrem Alter..“, „Sie und Jake..“, „Das sind diese Monster! Was haben sie dazu zusagen?“… Mir entfuhr ein Fluch „Mist!“ ich eilte zur Tür, nahm Ava beim Arm und knallte den Reportern die Türe vor den Nase zu. „Wir müssen hier weg! Pack deine Sachen! Wir müssen sofort los!“. Aber Ava blieb wie eingefroren stehen. Ich packte sie bei den Schultern. „Ich weiß es ist schlimm für dich, aber wir haben keine Zeit..“ In dem Moment brach sie zusammen und das Einzige, was sie unter Tränen hervorstieß war: „Er hat uns verraten! Er hat MICH verraten!“ Ich nahm sie kurz in den Arm, aber wir hatten wirklich keine Zeit mehr! Als die Reporter anfingen gegen Türen und Fenster zu hämmern, um hinein zu gelangen, flüsterte ich noch kurz „Ich hole unsere Sachen, wir treffen uns am geheimen Tunnelausgang!“ und flitzte davon. Als ich im nächsten Moment mit unseren wichtigsten Sachen im Arm am Tunnel ankam, stand sie dort. Perfekt, wie eh und je. Ohne eine einzelne Träne im Auge. Sie lächelte als sie mich sah. „Lass uns gehen.“ Der Tunnel führte uns unter der Erde bis zum Wald. Als ich in den Wald rennen wollte, war sie es, die mich am Arm festhielt.

***

Dieser Mistkerl. Dieser verdammte Mistkerl! Ich hatte Jake vertraut und was hatte ich davon? Eine Horde mit Fotoapparaten bewaffneter, neugieriger Menschen, die hinter mir und Rose her waren. Ich konnte ihn nicht einfach so davon kommen lassen. Nicht nachdem er mich verraten hatte. Rose schaute mich erwartungsvoll an. „Wir können ihn nicht laufen lassen“, sagte ich. „Es ist viel zu gefährlich. Was ist wenn er noch mehr erzählt? Oder die Leute ihm wirklich glauben? Das kann und werde ich nicht riskieren, Rose.“ Verständnis blitze in ihren Augen auf und sie nickte. „Du hast Recht. Nur was willst du tun, um ihn aufzuhalten? Ich meine er hat es schon der Presse erzählt.“ „Ich habe da eine Idee.“ Ich nahm ihre Hand und zusammen rannten wir Richtung Innenstadt. Hier war Jakes Stammkneipe. Es war zwar Weihnachten, aber da seine Eltern seltsamerweise davon nichts hielten und er ja eigentlich heute Abend bei mir wäre, war ich mir sicher, dass er stattdessen gerade mit seinen Kumpels auf ein Glas Bier anstößt. Und es war nur eine Frage der Zeit bis er, wie immer ein paar Stunden vor den anderen die Kneipe verlassen würde, weil seine Eltern ihn umbringen würden wenn er so spät nach Hause käme. „Okay, Rose“, flüsterte ich und zerrte sie in eine Gasse hinter eine Mülltonne. „Jake wird mit Sicherheit gerade in der Kneipe sein und wenn wir Glück haben kommt er gleich raus, denn meiner Uhr zufolge hat er nicht mehr lange bis er Zuhause sein muss.“ Wir hockten uns also hinter diese echt übel riechende Mülltonne und als es langsam ziemlich unbequem wurde sah ich auch schon einen unverkennbaren, blonden Haarschopf aus der Kneipe kommen. Definitiv Jake. Ich drehte mich zu Rose um und sie nickte wissend. Sie hatte ihn ebenfalls erkannt. „Was willst du jetzt tun, Ava?“, wisperte sie mir zu. „Wir warten bis er an der Gasse vorbei kommt und dann schnapp ich ihn mir.“, erwiderte ich. „Okay ich vertraue dir. Du weißt was du tust.“ Wusste ich das wirklich? Egal es war jetzt zu spät darüber nachzudenken, denn Jake war nur noch wenige Meter von unserer Gasse entfernt. Kurz bevor er an uns vorbei ging, sprang ich hinter der Mülltonne hervor und stellte mich ihm in den Weg. Meine Hände stemmte ich in meine Hüften und ein gehässiges Lächeln erschien auf meinen Lippen. „Hallo Jaake.“, ich zog seinen Namen extra in die Länge. Hoffentlich merkte er nicht, wie verletzt ich wirklich war. Er bekam einen knallroten Kopf und wich vor mir zurück. „Äh hallo Ava. Ich.. Äh.. Also ich wollte ja zu dir kommen aber-“ „Spar dir den Mist, Jake.“, zischte ich. „Ich weiß genau was du getan hast und wie du dir vielleicht in deinem winzigen Gehirn denken kannst bin ich nicht gerade erfreut darüber.“ Die Röte wich aus seinem Gesicht und Abscheu blitze in seinen Augen auf. „Du bist ein Monster, Ava. Was hätte ich denn tun sollen? Ihr beide seit eine Gefahr für die ganze Stadt.“, er spukte die Worte förmlich aus so als wäre es abartig überhaupt mit uns zu reden. Seine Worte versetzten mir einen schmerzhaften Stich und meine Kehle schnürte sich zu. Er hob an um weiter zu reden doch bevor Jake noch irgendetwas sagen konnte nahm Rose ihn an seinem Sweatshirt und bugsierte ihn nicht gerade sanft hinter die Mülltonne. Ich glaube sie war kurz davor ihm eine reinzuhauen so wütend sah sie aus, doch ich hielt sie sanft zurück. Wenn er verwundet in einer Gasse liegen würde, wäre das viel zu auffällig. Ich schubste Jake unsanft auf den Boden, hockte mich vor ihn und drückte seine Schultern gegen die raue Hauswand. Er riss die Augen auf und versuchte sich zu befreien, doch mein Griff war fest. Hastig schnappte er nach Luft und es lag so viel Angst in seinem Blick, dass ich schon fast Mitleid mit ihm hatte. Doch das durfte ich nicht. Er war derjenige, der uns verraten hatte und er würde dafür bezahlen. Ich drückte ihn noch fester gegen die Wand, so dass sein Kopf unsanft hinten anschlug. „Was hast du vor, Ava? Willst du mich jetzt umbringen?“, presste er hinter zitterten Lippen hervor. „Jetzt hör mir mal gut zu, Jake.“, zischte ich. „Du hast Rose und mich mit deinem kleinen Besuch bei der Presse großer Gefahr ausgesetzt. Wir beide haben uns ein Leben aufgebaut und das lasse ich mir nicht von einem kleinen Menschen, wie dir kaputt machen!“ „Ich…“ hob er an, doch Rose trat ihn so heftig in die Seite, dass nur noch ein Wimmern aus seinem Mund kam. Grinsend drehte ich mich zu ihr um. Langsam fing das Ganze hier an Spaß zu machen. Abgesehen davon, dass Jake mich verletzt hattte. Wirklich verletzt. Doch ich hatte jetzt keine Zeit darüber nachzudenken. Jetzt musste ich erstmal für Schadensbegrenzung sorgen. Ich würde Jake vergessen lassen, was ich ihm erzählt hatte und er würde sich auch an unser kleines Mitternächtliches Treffen nicht mehr erinnern. „Tu es, Ava.“, Rose nickte mir zu. „Wir sollten so schnell wie möglich von hier verschwinden.“ „Du hast Recht.“, erwiderte ich und drehte mich wieder zu Jake um. Ich beugte mich vor, so dass mein Gesicht nur noch wenige Zentimeter von seinem entfernt war. Mein Blick landete automatisch auf seinen vollen Lippen und in meiner Brust brannte es, als hätte jemand glühend heiße Lava meine Kehle hinunter gekippt. Schnell riss ich meinen Blick wieder von seinen Lippen los und blickte ihm tief in die Augen. Ich merkte wie meine Pupillen sich zu weiten begannen, während ich zu sprechen anfing. „Du wirst vergessen, was ich dir über Rose und mich erzählt habe. Unser Gespräch gestern hat nie statt gefunden. Du hast dir das Ganze nur ausgedacht, um die Presse auf mich zu hetzten, weil ich mich gestern von dir getrennt habe. Und weil wir keine Lust auf diesen ganzen Troubel hatten, haben Rose und ich kurzfristig die Stadt verlassen. Du wirst mich vergessen und nicht nach mir suchen.“ Beim letzten Teil begann meine Stimme leicht zu zittern, doch ich holte tief Luft und riss mich zusammen. Rose legte mir von hinten eine Hand auf die Schulter. „Auch das Gespräch gerade hat nie stattgefunden. Und du wirst morgen zur Polizei und zur Presse gehen und ihnen deinen kleinen Streich erklären. Hast du mich verstanden?“ Er nickte nur benommen und sank dann ohne ein weiteres Wort in sich zusammen. Ich wusste, dass Jake es nicht anders verdient hatte und er einfach in der Gasse liegen bleiben könnte, doch ich hatte nicht vergessen, wie sehr ich ihn heute Mittag noch geliebt hatte und wie sehr ich ihn trotz allem immer noch liebte. Also schob ich meine Arme unter seinen Körper, hob ihn hoch und setzte ihn so gut es ging an den nächsten Hauseingang. Hier würde ihn jemand finde, denken, dass er zu viel getrunken hate und sich um ihn kümmern. Ich drehte mich um und sah Roses mitfühlenden Blick. Sie drückte kurz meine die Hand. „Wir müssen jetzt wirklich los, Ava“, drängte sie. „Ich weiß.“ Ich schenkte Jake einen letzten schmerzerfüllten Blick und drehte mich wieder zu ihr. Rose nahm meine Hand und zusammen verschwanden wir in die Dunkelheit des Waldes.

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